Zum Namen der Familie von Mörder


Überlegungen und Untersuchungen von Michael Reimer

Das von Mördersche Wappen in barocker Fassung (Siebmacher)

1. Namensformen

Ausnahmen mit Moerder sind zwei lateinische Urkunden von 14O9 bzw. 1415 (sofern s,ie, richtig gelesen wurden). In zwei niederdeutschen Urkunden (1336, 1331) heißt es bei der Aufzählung mehrerer Familienmitglieder "geheten de Morder(e)".

Die Form Morder begegnet noch zu Anfang des 17. Jahrhunderts. Barbara Witwe von Mörder geb. von Schmatzhagen verwendet dann aber 1651 eindeutig den Umlaut.

2. Familien vermutlich gleichen Stammes

Sie führten das gleiche Wappen wie die Mörder: einen hersehenden Löwenkopf bzw. drei (so hat es auch der Stammvater Gotan Mörder) hersehenden Löwenköpfe. Ob auch die rügensche Familie von Kahlden (mit hersehendem Löwenkopf) dazu zu zählen ist, ist unsicher. Ene gleiche Herkunft haben jedoch ganz sicher die Mörder und Sisicke, da beide Besitz in Pastow und Neuendorf (Niendorf, beide bei Kessin) hatten, oder die Sisicke traten durch Einheirat in bisherige Mördersche Besitzanteile.

3. Latinisierte Namen

Denn der normale Landeseinwohner, ob Kaufmann, Handwerker, Adliger oder Bauer sprach niederdeutsch - und so werden auch die in der Entstehung sich befindenden Familiennamen eine ursprünglich niederdeutsche Fassung gehabt haben.

Da wo latinisierte Namen auch verwendet wurden, gibt es bei al1en mir bekannten Familien den Wechsel zwischen deutschem und lateinischem Namen. Logische Konsequenz wäre bei der Familie Mörder, wäre dieser Name eine latinisierte Form von Beißer (s.u.), daß auch Morder(e) und Beißer wechselweise gebraucht worden wären. Das ist aber nicht der Fall

4. Zur Bedeutung des "dictus"

oder 1266 (821) dictus Vos, 1267 (854) ... et ... Vossinge dicti, 1270 (909) dictus Vos.

Bei letzteren ist deutlich die niederdeutsche Fassung des hochdeutschen Fuchs verwendet. Natürlich begegnen auch Vulpes/Welpes u.ä. latinisierte Formen von Fuchs.

5. Ähnliche Familiennamen

Im Siebmacherschen Wappenbuch wird die Vermutung ausgesprochen, daß die Familie aus Schleswig-Holstein stammen könnte und wegen Wappengleichheit eines Wappens (sonst führte die Familie andere Wappen) mit den rügenschen von Krassow stammverwandt sein könnte. Die Mordberner erloschen wahrscheinlich zu Anfang des 15. Jahrhunderts.

Beide Familien, Mordkule (was ja noch als Herkunftsname angängig wäre) und Mordbrenner/Mordberner, führen ihre Namen ohne sich zu "schämen". Es sind auch keine adäquaten latinisierten Formen

6. Kommt der Name vom lateinischen "mordere"?

Einen Zusatz beim Personennamen als Übernamen nur mit einem Verb gibt es nicht! Wäre der Name lateinisch, abgeleitet von der Infinitivform mordere = beißen/fassen/greifen, richtig wiedergegeben, müßte es heißen: Gotan dictus Mordentis = Gotan genannt "einer der beißt/der Beißer" bzw. Gotan dictus Morditus = Gotan genannt "der gebissen hat".

7. Rang und Besitz der Familie

Ein Blick auf die Karte zeigt, daß dies ein großer, geschlossener Bereich ist. In ihm liegt der große slawische Burgwall bei Pantlitz. Später sind Daskow und Todenhagen als Sitze der Familie ausgewiesen. Möglicherweise geht auch der frühdeutsche Turmhügel in Pantlitz noch auf die Mörder zurück.

Andererseits hat Gotans anderer Sohn Johann bei Stralsund umfangreichen Besitz und vor der Altstadt Stralsunds (am Rande der Neustadt mit der Marienkirche) in der Nachbarschaft zum Hof (Curie) der Rügenfürsten seinen eigenen Hof (heutige Henning-Mörder-Straße). Beides könnte auch schon vom Vater ererbt sein, muß es aber nicht.

Wolf Lüdeke von Weitzien hat (in seinen vier Bänden "Familien aus Mecklenburg und Vorpommern", 1989-1995) für mecklenburgische Vasallen, wie z.B. die von Linstow, m.E. schlüssig nachgewiesen, daß diese Familien - vor Einführung des (nieder-)sächsischen Lehnrechts in Mecklenburg - selbständige Herren über einen geographisch geschlossenen Bereich (bei den Linstows z.B. ein baumloses Gebiet, eine Insel, innerhalb einer großen Waldzone) waren, zwar in Abhängigkeit vom Landesfürsten, eben als Vasall, nicht jedoch in der auf Gedeih und Verderb an den Lehnsherrn sehr viel starker gebundenen Stellung eines Lehnsfolgers.

Angesichts des Ranges und des - großen, mecklenburgischen Vasallenfamilien vergleichbaren - Besitzes der Familie von Mörder können wir schlußfolgern, daß auch sie ursprünglich eigene, einst unabhängige Herrschaftsrechte ausgeübt hat.

Zusammenfassung

Wenn er aber ans dem Bereich stammt, in dem er - (später nachweisbaren) - umfangreichen Besitz hat, dann dürfte der Burgwall bei Pantlitz der Stammsitz der Familie gewesen sein. Die Tat des jungen Gotan muß so gravierend gewesen sein, daß sie namengebend wirkte und nicht der ursprüngliche Herkunftsort Pantlitz. Die Familie hätte sonst "von Pantlitz" geheißen. Wenn aber dieses Ländchen Pantlitz, wie wir es anderen Ländchen vergleichbar nennen wollen, sein eigen war, warum tritt er urkundlich nicht eher in den Urkunden der Rügenfürsten auf, sondern erst zehn Jahre nach seiner Ersterwähnung? Waren dies nicht zehn Jahre der Sühne, der Verbannung? Seine gesellschaftliche Stellung verbot sicher eine härtere Form der Sühne. Warum wird er fast sofort in den rügenschen Urkunden und dort fast immer in den mecklenburgischen Urkunden dagegen erst sehr spät und vereinzelt mit dem Zusatz "dictuts Morder(e)" belegt? Doch wohl dort, wo die Tat vollzogen worden war- und man ihn eben als Mörder kannte. Daß das Tragen eines solchen Namens nicht schandbar war, zeigen die Beispiele der Familien Mordkule und Mordberner, aber auch die Beibehaltung des Namens Mörder durch die Jahrhunderte.

Ahrenshagen, den 27. Juli 2004
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