Der folgende Text entstammt einer Chronik der Pommerschen v. Thuns, die wahrscheinlich von Graf Bolko von Stolberg-Wernigerode im Jahre 1881 geschrieben wurde. Wilhelm Ulrich ist sein Schwiegervater. Bis auf offensichtliche Schreibfehler ist die Schreibung übernommen, wie vorgefunden. Falls sich Fehler bei Personen- oder Ortsnamen eingeschlichen haben, lasse man es uns bitte wissen!
Was man aus dem Text lernen kann?
Es kann offenbar ganz schön anstrengend sein, mit einem "silbernen Löffel im Munde" geboren zu werden!
Wilhelm Ulrich von Thun, Sohn des schwedischen Regierungs-Kanzlers Otto Heinrich von Thun, auf Tribohm und der Luise von Lepel, wurde geboren im Großelterlich von Lepelschen Hause zu Seekritz bei Wolgast am 10. September 1784. Er erhielt seine Erziehung im Elterlichen Hause und trat 1802 in Königlich-Schwedische Militärdienste ein, in Stralsund bei dem Leibregiment der Königin. Im Jahre 1804 erhielt er einen Urlaub zum Besuch der Universität Göttingen, als der Krieg mit Frankreich 1806 ausbrach, kehrte er zu seinem Regiment zurück. Den Winter 1806-7 verlebte er auf den Schwedischen Canonir-Chalougen (?). 1807 wurde er von Schweden aus nach Pommern gesandt zum Austausch von Kriegsgefangenen. Nach der Übergabe von Stralsund, 1807, ging er mit seinem Regiment nach Schweden herüber, wohnte 1809 der Campagne (=Feldzug) gegen die Russen bei, erlebte, aber nicht in Stockholm, die Absetzung des Königs Gustav Adolf IV und kehrte 1810 nach dem geschlossenen Frieden mit Frankreich und Rußland nach Pommern zurück, wo sein Vater einige Tage vorher gestorben war.
Das Regiment ward beim Einrücken der Franzosen entwaffnet, und mit Mühe konnte er sich nur der Gefangennahme ihrerseits entziehen, bis nach dem Unglück der Franzosen in Russland 1813 (von 400.000 Mann der multinationalen Truppe, in der nur ein Drittel Franzosen waren, kehrten nur 18.000 zurück. Totzdem eine erstaunliche Rede über den geschlagenen militärischen Gegner!), Pommern wieder von den Schweden besetzt wurde.
Mit Aufträgen an den damaligen Kronprinzen von Schweden, Johann Bernadotte gesandt, zog er dessen Aufmerksamkeit auf sich, und ward zu seinem Atjudanten ernannt. Er begleitete ihn während der Campagne 1813-14 in Deutschland, und wohnte den Schlachten von Groß-Beeren, Dennewitz und Leipzig bei, sowie dem Zuge nach Holstein und später nach Belgien.
1814 begleitete er den Kronprinzen nach Paris und kehrte mit der Armee zur Eroberung Norwegens zurück. Nach deren Beendigung ließ ihn der Kronprinz in besonderen Aufträgen während des Winters in Christiana zurück, und berief ihn im Jahre 1815 nach Stockholm. -
Durch Abtretung Pommerns an Preußen, welche er zu befördern gesucht hatte, ward sein größter Wunsch erfüllt, Preußischer Unterthan zu werden. Er erbat sofort seine Entlassung aus schwedischen Diensten, die ihm mit großer Anerkennung gewährt wurde, und eilte über Stralsund zu einem kurzen Besuch bei seiner Familie zu der Peußischen Armee nach Paris. Der König Friedrich Wilhelm der III. erkannte diese Pflichterfüllung und ertheilte ihm eine vorteilhafte Stellung als Major im 16. Regiment, wozu seine Empfehlungsbriefe an den Staatskanzler, Fürst von Hardenberg, den General von Gneisenau, die Kriegsminister von Boyen und den General von Theile mitgewirkt hatten.
Der Krieg ward durch die Schlacht bei Waterloo 1815 schnell beendet und er kehrte mit seinem Regiment aus der Vendee nach Lothringen zurück, wo dieses bei der Occupations-Armee verblieb. Er wurde Kommandant von Monedi, lag später in Ettin und marschierte mit seinem Regiment 1817 nach Luxemburg und 1818 nach Trier.
Von dort nahm er Urlaub zu seiner Familie, und hatte auf der Durchreise in Berlin Gelegenheit, manche Bekanntschaften zu machen, infolge dessen er als Batallionscommandeur ins Regiment Kaiser Franz versetzt wurde.
1821 ward er als Militärbevollmächtigter nach St. Petersburg zum Kaiser Alexander commandiert. Diese Auszeichnung welche dieser ausgezeichnete Herr ihm gewährte, setzte ihn in den Stand, seinem Königlichen Herrn manche Interessante und wichtige Berichte einsenden zu können. Er begleitete den Kaiser auf vielen Reisen und Revuen, erlebte die große Überschwemmung 1824, und die Militär-Revolution 1825 nach dem Tod des Kaisers Alexanders.-
Dessen Nachfolger, der Kaiser Nikolaus, bezeugte ihm dieselbe Gewogenheit, sowie die Kaiserin Alexander, geb. Prinzess von Preußen.
1826 wohnte er der Krönung des Kaisers Nikolaus in Moskau bei, und begleitete denselben in die Campagne in der Türkei 1827, nachdem er kurz vorher Oberstlieutenant geworden. Bei Schmula mußte er sich u.a. in ein Rußisches, von den Türken umschwärmtes und angegriffenes Quarree (d.i. eine nach vier Seiten geschlossen Abwehrstellung der Infanterie gegen Reiterangriffe) zurückziehen, und wohnte der Einnahme von Warna bei. Auf dem Rückwege von dort, nach einem heftigen Sturm auf dem Schwarzen Meer, mußte er in Sewastopol einlaufen und bereiste die Krim während drei Tagen. Nach Petersburg zurückgekehrt, nahm er einen Urlaub nach Berlin, wo er zum Flügeladjudanten des Königs ernannt wurde. Verblieb noch ein Jahr auf seiner Stellung in Petersburg und ward 1830 zurückberufen, um den Dienst bei der Person S.M. (=Seiner Majestät) des Königs anzutreten.
Am 25. September 1831 vermählte er sich, wie schon erwähnt, mit Mathilde, Tochter des Großh.(=Großherzoglich) Hessischen Gesandten Freiherrn von Senden auf Radschütz in Schlesien, und der Henriette, geb. v. Vitzhum. Im Jahr 1832 wurde ihm eine Tochter Elise, und 1834 eine zweite Tochter Emma geboren, erstere, wie auch bereits erwähnt, vermählte sich 1853 mit dem Grafen Bolko zu Stollberg Wernigerode, letztere 1856 mit dessen Vetter, dem Grafen Johannes zu Stollberg Wernigerode.
1832 ward er zum Oberst ernannt, 1837 zum Gesandten am Churhessischen Hof in Cassel, nahm 1838 einen Urlaub nach Pommern um die Erbschaft anzutreten, und ward 1839 General-Major.
In dem selben Jahr machte er mit seiner Familie einen einjährigen Aufenthalt in Italien. 1845 wurde er zum Gesandten am Königlich Württembergischen Hof zu Stuttgard ernannt, wo er die Revolutionsjahre 1848 und 49 erlebte. Bis 1850 verblieb er in dieser Stellung und bezog dann mit seiner Familie das von ihm neu erbaute Schloß in Schlemmin. (Anmerkung für Rechenfaule: Er ist 66 Jahre alt, als er sich zur "Ruhe" setzt.) Dieser Bau begann 1846 unter der Leitung des Baurats Knoblauch aus Berlin und dauerte bis 1850. Die Arbeiten wurden sämtlich durch Handwerker aus der Provinz ausgeführt.
Leider verunglückte ein Mann bei dem Bau.
Zu den Granitarbeiten ward u.a. ein großer Stein vom Langenhanshäger Feld, von 28m Länge und 23m Breite gesprengt und benutzt. Wilhelm Ulrich verwandelte mit großer Energie und sehr viel Geschmack Schlemmin in einen ganz neuen Ort und führte dort, sowie auf allen seinen Gütern, große und zahlreiche Bauten aus.
In Schlemmin erbaute er den neuen Wirtschaftshof, sämtliche Katen jenseits der Kirche, das Schulhaus, das Gartenhaus, Treibhaus u.s.w. Auch die Parkanlagen wurden von ihm erweitert und ausgeführt, und 1861 auch die Anlagen und Bauten, des, mit dem Schloß in Verbindung stehenden Hofes begonnen.
Die Kirchen in Schlemmin und Tribohm stellte er wieder her, und stiftete Orgeln darin, er baute auch die kleine Begräbniskapelle an der Schlemminer Kirche. 1846 erbaute er das Wohnhaus in Tribohm. Er verbesserte die Cultur der Güter (Verständnishilfe für ehemalige DDR-Bürger: Damit ist nicht der Bau eines Kulturhauses gemeint, sondern die Qualität der Bewirtschaftung!), erhöhte den Pachtzins, und machte viele neue Holzanlagen.
Die Güter Gr. Kisow 1846 und Altenhagen 1852, Neu-Seehagen und Sternhagen wurden von ihm angekauft.
Im Jahre 1853 wurde die, viele Jahre hindurch mit Langenhanshagen combiniert gewesene Schlemminer Pfarre, selbständig wiederhergestellt, 1854 am 15ten Oktober hatte Wilhelm Ulrich den Großen Schmerz seine geliebte Gemahlin zu verlieren, wodurch die Bewohner der Güter eine überaus gütige und für Ihr Wohl sorgende Herrin verloren. Der Heimgang dieser ausgezeichneten Frau erregte eine allgemeine Trauer in nahen und fernen Kreisen.
Im Jahre 1853 wurde Wilhelm Ulrich durch den hohen Besuch S.M. des Königs Friedrich Wilhelm IV. beglückt, welcher eine Nacht in Schlemmin zubrachte. Am Morgen des 19ten August 1853 schrieb der Königliche Herr folgende Worte in die Hausbibel des Schlemminer Schlosses:
Lasset uns Gott den Herrn bitten, daß sein heilig Wort und Segen in diesem Lande, in dieser Pfarre und in diesem Hause nun und nimmermehr aufhören, wohl aber sich kräftig und fruchtbar zeigen für dieses und das künftige Leben
Am Abend des 30ten November 1862 verschied auf seinem Schloß in Schlemmin, in seinem 79ten Jahr, der General-Lieutenant Wilhelm Ulrich von Thun. Sein Schwiegersohn, der Graf Johannes zu Stollberg Wernigerode, war ihm am 20ten Juli des Jahres in die Ewigkeit vorangegangen. Der General schien bei einer, für seine Jahre seltenen Körperkraft und Geistesfrische noch lange in der Mitte seiner, mit der größten Liebe umfaßten und ihn innigst verehrenden Kinder hiernieden verweilen zu sollen, als ihn plötzliches Unwohlsein überfiel, und er schon sechs Stunden darauf, ohne Todeskampf sanft entschlief. Sein Tod erfolgte nicht ihm, aber den Seinen unerwartet schnell, mit seltener Treue und Ernst hatte er sein Haus nach Innen und Außen bestellt, und die Kunde seines Hinscheidens versetzte die Seinen und weite Kreise in tiefe Betrübnis. Der Hingeschiedene, an Geist und Herz reich begabt, und von sehr energischem Charakter, hat nicht bloß in der Ausstattung und Ausschmückung der Kirchen, deren Patron er war, nicht allein in zahlreichen baulichen Verbesserungen seiner Besitzungen und besonders in dem vom 1845 - 1850 vollendeten Bau eines der stattlichsten Schlösser der Provinz auf seinem Stammgut Schlemmin, sich bleibende Denkmäler gesetzt.
Die Treue, mit welcher er dem Vaterlande und seinen Königen anhing, die Sorgfalt, mit welcher im Verein mit seiner Familie auf das leibliche und geistige Wohl seiner Untergebenen bedacht war, die Wohltaten welche er in weiten Kreisen unermüdet spendete, die Teilnahme, welche er im Großen und Kleinen allen, die ihm nahe kamen bewies die Leutseligkeit, mit welcher er aus der reichen Erfahrung seines vielbewegten Lebens Rath ertheilte, die Festigkeit und Gradheit seines Charakters, sicherten ihm ein bleibendes Gedächtnis in den Herzen der großen Zahl derer, die in ihm das Vorbild echten Christentums und wahren Adels erkannt hatten. -
Nach seinem Tode errichteten seine Kinder, seinem Willen gemäß, die beiden Fideicommisse (=unteilbare und unveräußerliche Vermögensmasse, die einer besonderen Erbfolgeordnung unterliegt; so Sachen wie "Junkerland in Bauernhand" waren nicht geplant!) Schlemmin und Altenhagen, und die Schlemminer Güter gingen über in den Besitz seiner älteren Tochter Elisabeth und ihres Gemahlen des Grafen Bolko von Stolberg Wernigerode. -