Dieser Bericht ist einer Chronik der Pommerschen v. Thuns entnommen, die in einer recht fehlerhaften Abschrift vorliegt. Die Schreibung wurde, ausgenommen offensichtliche Schreibfehler, übernommen, wie vorgefunden. Falls Personen- oder Ortsnamen nach den zeitgenössischen Maßstäben falsch geschrieben sind, lasse man es uns bitte wissen!
Graf Bolko zu Stolberg Wernigerode stammte aus dem alten Geschlecht der Harzgrafen, deren Geschichte weit zurückreicht in alte Zeiten und deren Name in deutschen Vaterlande von jeher einen guten Klang gehabt hat. Er wurde geboren am 1ten Januar 1823 in Peterswaldau in Schlesien, als Sohn des Grafen zu Stolberg Wernigerode und seiner Gemahlin, Gräfin Antonie, geborene Freyin von der Reck und war unter 12 Geschwistern der vierte Sohn dieser reich gesegneten Ehe.
Die ersten Kindheitsjahre verlebte er auf den Schlesischen Besitzungen seines Vaters, dem uralten Schlosse Krempelkof bei Landeskut, wo sein Vater Landrath war, bis derselben 1830 zum General-Gouverneur nach Cöln berufen wurde. Von dort aus wie auch später wurden häufige Reisen nach Wernigerode gemacht.
Den Harz und seine grünen Waldberge, die Wiege des Stolbergschen Grafenhauses, betrachtete Graf Bolko immer als seine eigentliche Heimat. -
1834 wurde der Vater als Regierungs-Präsident nach Düsseldorf, 1837 als Ober-Präsident nach Magdeburg, 1840 als Hausminister nach Berlin versetzt, wo ihr Freund und Vertrauter König Friedrich Wilhelm IV, 1854 starb.
Die Erziehung der Kinder war eine sehr einfache, überaus tüchtige im elterlichen Hause. Sie legte vor allen Dingen den Grund echter tiefer Frömmigkeit und entwickelte früh die seltenen Eigenschaften größter Selbstbeherrschung, Festigkeit und Wahrheit, verbunden mit aufopfernder Hingebung und Selbstlosigkeit, Treue und Klarheit, welche später den unvergeßlichen Mann auszeichneten.
Der Sohn blieb unter des Vaters persönliche Anleitung, bis er 1841 in das Regiment der Gardes du Corps (=berittene Leibgarde) eintrat, in welchem er, unter dem, von ihm so hochverehrten Commandeur von Reitzenstein, am 12ten August dieses Jahres Offizier wurde, worauf er nach Potsdam versetzt ward. Durch und durch Soldat, beherrschten Pflichttreue und Königstreusein sein Leben. Das Jahr 1847 führte ihn wieder nach Berlin zurück, woselbst er den verhängnisvoll Frühling des Jahres 1848 erlebte. Mit blutendem Herzen verließ er mit der Armee die Hauptstadt, weihte sich dann aber mit der ganzen Kraft seines treuen mutigen Preußen Herzens rastloser unermüdlicher Tätigkeit der Sache des Vaterlandes.
Mit verschiedenen Patrioten gründete er in dieser Zeit die Wehrzeitung, Preußens Fahne immer hoch haltend. -
Nach dem Tode seines zweiten Bruders, des Grafen Conrad hatte ihm sein Vater die zeitweilige Verwaltung der Herrschaft Diessfordt am Rhein übergeben, wo er seine Vorliebe für Wald und Feldwirtschaft zuerst zu bekunden, aber auch besonders in Zeiten der Überschwemmung unermüdlich zu wirken, rechte Gelegenheit fand. -
Am 5ten. Novbr. 1853 vermählte sich Grafen Bolko mit der Gräfin Elisabeth, ältesten Tochter des General-Lieutnants von Thun auf Schlemmin und verblieb noch ein Jahr in Potsdam in seinem alten Regiment, welchem zu der gleichen Zeit auch sein jüngster Bruder, Graf Theodor angehörte. Am 14ten. Novbr. 1854 schied der Graf als Rittmeister aus dem Regiment, trat in die Garde Landwehr-Cavallerie, und übernahm bald darauf die vorpommerschen Güter von Schlemmin, wo er bis zum Jahre 1862 in tiefster Eintracht und gegenseitiger Liebe mit seinem Schwiegervater zusammen wohnte, bis zu dessen Tode. -
Die Schlemminer Güter verbeßerte er durch Cultur und Drainage, gute Wege und Brücken, führte viele Bauten aus, vollendete den Bau des neuen Wirtschaftshofes und Schloßhofes, baute u.a. den Kultstall 1864, das Zornower Wohnhaus 1878, die neuen Kathen und das Rentamt 1882 - 1884, renovierte das Pfarrhaus und Treibhaus, beteiligte sich an Chaussee-Bauten.
Seine Freude war die Forstwirtschaft und Waldculturen, er theilte den Wald ein und hat eigentlich den Zukunftswald geschaffen oder gegründet. -
Im Herbst des Jahres 1854 wurde Bolko zu Stolberg in das Haus der Abgeordneten gewählt, wo er mit der ihm eigenen Entschiedenheit und Selbstständigkeit seine konservative Gesinnung vertrat. In den folgenden Jahren gestaltete sich seine Tätigkeit und Wirksamkeit immer vielseitiger.
Er bekleidete nacheinander oder auch zugleich die meisten Ämter seines, ihm zur Heimat gewordenen Kreises Franzburg, schritt in begeisterter Liebe für König und Vaterland allen patriotentischen Bestrebungen voran, wirkte auf die Hebung des Geistigen materiellen Wohles (was immer das sein mag) der Bevölkerung, war Mitglied und Vorsitzender verschiedener politischer und landwirtschaftlicher Vereine, ohne sich an die Grenzen seines nächsten Wirkungskreises zu binden, und begrüßte und vertrat in späteren Jahren mit Freunden und gewohnter Energie die Sozialpolitik Kaiser Wilhelms und seines Kanzlers. - (Einführung der Sozialversicherung duch Bismarck)
Selbst fest gegründet auf dem Felsengrund unseres christlichen Glaubens, war sein höchstes Ziel die Förderung des Reiches Gottes, auf Erden, war noch ein Christ, stets auf das Ende gerichtet, widmete sich in seinem, so warmen Herzen Kraft und Milde. Ernst und Heiterkeit wohltuhend vereinend. -
1859 wurde Graf Bolko Stolberg infolge der Mobilmachung einberufen, und führte vom 17ten bis 20ten August die 3. Eskadron des 2. Garde-Landwehr-Kavallerie Regiments bei Graudenz. (Die Teilmobilmachung von 1859 führte zu keinen kriegerischen Auseinandersetzungen, sie diente nur dazu, die Integrität des Deutschen Bundes zu verteidigen, die durch den zwischen Österreich und Frankreich stattfindenden Krieg um die österreichischen Besitzungen in Italien bedroht wurde.)
Schon im Jahre 1851 mit dem Johanniterorden beliehen, wurde er am 24. Juni 1864 in die Zahl der Rechtsritter aufgenommen ("Balley Brandenburg des Ritterlichen Ordens St. Johannis vom Spital zu Jerusalem", der evangelische Zweig des Johanniter-Ordens), und bestätigte seine ritterliche Gesinnung, seiner aufopfernden Liebe und Treue ganz besonders im Dienst desselben, sowohl 1864 (Krieg Österreichs und Preußens gegen Dänemark) wo er mit großen Schwierigkeiten kämpfend, in Kolding, hochoben in Jütland, stationiert war, von wo er krank und erschöpft heimkehrte, als auch 1866 ("Deutscher Krieg" , Österreich besiegt Italien, Preußen besiegt Österreich und gründet den Norddeutschen Bund), wo er im Auftrag seines ausgezeichneten Bruders, des unvergesslichen Grafen Eberhard zu Stolberg, Kanzlers des Ordens zum Spital, die Lazarette der Schlachtlinie zu Lowositz in Böhmen und Umgebung übernahm.
Mit größter Aufopferung unterzog er sich den übernommenen Plichten und Arbeiten. Ende August wurde er vom schweren Dienst abgelöst, wo er nur einen Tag zu Hause war, traf ihn dort die Nachricht von der Erkrankung seines im Felde stehenden treuen Jägers, und sofort eilte er auf den Kriegsschauplatz zurück, um den Todkranken zurückzuholen und ihn bei sich mit größter Sorgfalt zu pflegen.
Solche Züge edler aufopfernder Liebe erklären es uns, warum sich so viele Herzen an ihn ketteten, den die hohe und doch so demütige Devise des Ordens - Ich dien! zu der seines Lebens gemacht hatte. -
Auch von höchster Stelle wurde solche Treue mit Anerkennung gelohnt. Im März 1867 wurde dem Grafen der Kronaut (?) II. Klassen mit dem Johanniterkreuz verliehen. Außerdem besaß er den roten Adler Orden II. Klasse mit Eichenlaub, den roten Adler Orden III. Klasse mit Schleife und Johanniterkreuz, das Ritterkreuz von Hohenzollern, den Kronen Orden, die Kriegsmedaillen von 1864 und 1866, die Verdienstmedaillen für 1848 und den 1864 in Schlesien verliehenen Österreichischen Leopolds Orden. Im Herbst 1863 verlieh ihm S.M.(=Seine Majestät) der Kaiser den Stern zum Kronen Orden II. Classe.
Im Herbst 1868 ward er bei Gelegenheit einer Jagd in Wernigerode, von König Wilhelm II, welcher ihm als Prinz von Preußen, als König und als Kaiser immer sich gleichbleibende Gnade erzeigte und wiederholte Beweise seiner Huld und seines Vertrauens gegeben hat, zum Major ernannt.
1863 hatte der Graf den Besuch des Kaisers Friedrich III. damaligen Kronprinzen und seiner Gemahlin Victoria geborene Prinzess von Groß-Britannien, in Schlemmin empfangen.
Die im Herbst 1865 hatte sich seine Schwägerin Gräfin Emma, mit dem Grafen und wird zu Solms Rödelsheim vermählt, deren Kinder, Gräfin Bertha, geb. 1869, und Graf Kuno geb. 1872, von dem Grafen Bolko und seiner Gemahlin, wie eigene Kinder geliebt wurden.
1869 einstimmig zum Landrat des Franzburger Kreises gewählt, verwaltete Graf Stolberg dieses Amt bis 1872. Wohl war es dem Johanniter, wie dem Soldaten - das hat der oft ausgesprochen - schwer, während der Kriegsjahre 1870 und 1871 durch sein Amt daheim, gebunden zu sein, aber gerade dieses Amt bot ihm andererseits Gelegenheit, auch zu Hause auf das tatkräftigste zu wirken und in dieser großen Zeit alle Werke barmherziger Liebe zu fördern. In seltenem Maaße besaß er das Vertrauen der Menschen, seine reiche Erfahrung, seine Personal-Kenntnisse, seine aufopfernde Treue und Selbstlosigkeit, seine Thatkraft und Einsicht machten ihn buchstäblich zum Vater und Berater seines Kreises, dessen Wohl überall er vertrat, wie auch die weiteren Interessen der Provinz. Seine offene Hand, sein offenes Haus werden vielen unvergessen bleiben.
Ende 1869 schied der Graf aus der Armee, im Jahre 1878 war es ihm vergönnt, mit seiner Gemahlin, die mit ihm in einer überaus glücklichen, in allen hohen Interessen, durchaus harmonischen Ehe lebte, das Fest der silbernen Hochzeit zu feiern, im Kreis zahlreicher Verwandten und Freunde, unter vielen Beweisen der Liebe, Verehrung, Dankbarkeit von Nah und Fern. -
In diesem Jahr wurde auch die Schlemminer Kirche renoviert, in welcher ein Totengedenkstein des Grafen Bolko zu Stolberg Wernigerode, als Renovator des schönen Gotteshauses bezeichnet. -
Während der letzten Jahre seines Lebens schien sich seine rastlose Tätigkeit noch zu verdoppeln, er stellte die höchsten Anforderungen an sich, und seine Liebe, Treue und Aufopferung für seine Familie, seine Untergebenen, für andere, ihm oft fern stehende Menschen, bis in weite Kreise hinein, kannte keine Grenzen.
Seine wankende Gesundheit hätte große Schonung bedurft, doch kannte er keine andere Pflicht, keine höhere Freude als die, für andere zu sorgen und zu wirken, sich für andere aufzuopfern. -
Im Jahre 1884 war seine Kraft gebrochen. Auf Anraten der Ärzte sollte er den Winter im Süden, wo er auch schon früher verweilt hatte, verleben. Anfang November reiste er, sobald es sein Befinden gestattete, mit seiner Gemahlin nach Mentour. Doch schon am 9. Dezember wurde er von Gott dem Herrn nach schwerem Leiden, friedvoll und in siegendem Glauben abgerufen.
Am 21ten desselben Monats wurde er in heimatlicher Erde zu Schlemmin bestattet, tief und allgemein betrauert, ein leuchtendes Vorbild im Leben, wie im Sterben, war eins, die Signatur seines Charakters, so war es die Treue, er hat sie in jedem Verhältniss bewahrt, er hat sie bis in den Tod gehalten. -