Die Kirche zu Tribohm ist im Vergleich zu anderen Gotteshäusern der ländlichen Umgebung durch einige Besonderheiten in der Bauausführung ausgezeichnet. Eine Besonderheit ist das Rundfenster der Ostwand, das als "einzigartig" für die Kirchenbauten der Region erwähnt wird [4]. Das Rundfenster hat einen Durchmesser von 70 cm und ist in eine Öffnung mit einem an der Außenwand gemessenen Durchmesser von 106 cm in die Wand eingelassen. Der Baumeister hat die Höhe des Fensters über dem Erdboden so bestimmt, dass sein Mittelpunkt den Eckpunkt eines Quadrats mit der halben Breite des Chores als Seitenlänge bildet. Rundfenster können als Stilelemente romanischer Baukunst angesehen werden. Ein Beispiel hierfür ist die von 1013 bis um 1230 erbaute Benediktiner Abtei Maria Laach in der Eifel. Der unbekannte Baumeister wollte das einfache Bauwerk wohl mit einem Merkmal der Epoche, in der er wirkte, versehen.
Eine zweite Besonderheit ist die schon beschriebene Aufteilung der Längsachse der Kirche und die Ableitung des Verhältnisses von Länge des Chores und Breite des Langhauses nach dem "Goldenen Schnitt". Die auf den ersten Blick nicht sichtbare Verwendung bestimmter Proportionen in der Gestaltung des Bauwerks zeigt, dass der mittelalterliche Baumeister die Ergebnisse antiker Geistestätigkeit kannte.
Die dritte Besonderheit besteht in der Ausrichtung der Kirche und soll in folgendem dargelegt werden. Gewöhnlich erstreckt sich die Längsachse von Kirchen in West-Ostrichtung, wobei der Altarraum vor der Ostwand liegt. Der Grund für diese Anordnung ist im Auferstehungsglauben zu suchen. Die Auferstehung Jesu erfolgte bei Sonnenaufgang am ersten Tag der Woche (Sonntag der jüdischen Zeitbestimmung) und die christliche Gemeinde sollte, wenn sie sich in Kirchen versammelte, in Richtung der Auferstehung schauen können, wobei sie sich im Gebet dem durch dem durch die Auferstehung verheißenen neuen Leben zuwendete. [7]
Die Kirche in Tribohm weicht von dieser Regel insofern leicht ab, als ihre Längsachse mit der Nordrichtung keinen rechten Winkel bildet. Die Folgerungen, die sich aus dem Betrag der Abweichung ableiten lassen, weisen daraut hin, dass der Baumeister die Richtung absichtlich geändert hat, wenn auch Gewissheit dafür nicht zu erlangen ist.
Geht man bei den Überlegungen, die den Baumeister geleitet haben könnten, von der Teilung der Längsachse nach dem Goldenen Schnitt aus, so erreicht eine vom Teilungspunkt (T) rechtwinklig zur Längsachse gedachte Gerade die Außenwand im Punkt (F) des Grundrisses. Eine weitere von (F) zur Mitte der Außenwand des Ostgiebers gedachte Gerade erreicht den Punkt (G) und bildet mit der Geraden (TF den Winkel.
tan α = (9,32, + 0,53) / 6,15 und α = 58,18 Grad.
Wegen der Drehung der Kirche aus der West-Ostrichtung bildet die Ostwand mit der Richtung des Nordsterns einen Winkel von 7,72 Grad. Der Winkel (γ), den die Verlängerung der Geraden (FG) mit der Nordrichtung bildet, erhält damit den Betrag
γ =180 + 7,72 - 58,18 = 129,54 Grad.
Der Beweggrund des Baumeisters, die Kirche in der dargestellten Weise zu errichten, könnte darin bestanden haben. die Gerade (FG) an einem für die Kirche bedeutsamen Tag auf den Aufgang derSonne zu richten. Als ein besonderer Tag kann der 25. November angesehen werden.
Dieser Tag gilt als der Namenstag der Heiligen Katharina, der möglicherweise die Kirche in Tribohm geweiht wurde. Für diese Annahme spricht, dass auf der Palmziner Gemarkung ein kleines Feld liegt, das in den Erläuterungen zu den schwedischen Matrikelkarten von 1696 als "Catharinenwurth mit zwei Scheffel Aussaat bezeichnet wird und der Kirche zu Tribohm gehörte [2]. Man kann annehmen, dass die Landleute das Feld deshalb mit diesem Flurnamen belegt haben, weil sie zum Ausdruck bringen wollten, es gehöre "der Katharina".
Der Tag, an dem die Gerade (FG) auf die aufgehende Sonne gerichtet ist, wid von dem Winkel (δ) bestimmt, der die Höhe der Sonne über der Äquatorebene angibt und sich auf der Bahn der Erde um die Sonne kontinuierlich zwischen 23,45 und minus 23,45 Grad ändert. Die Richtung des Sonnenaufgangs ist weiterhin von der geographischen Breite (φ) des jeweiligen Ortes abhängig, die für Tribohm 54,207 Grad beträgt. Die Beziehung, die die Berechnung von δ ermöglicht, lautet [1]
cos γ = sin δ / cos φ
aus der δ = - 21,66 Grad resultiert. Für diesen Betrag ergibt sich aus einer entsprechenden Tabelle [5] ein Datum zwischen dem 2. und dem 3. Dezember.
Der Bau der Kirche erfolgte in einer Zeit, in der der Julianische Kalender galt, so dass die Verschiebung des Datums zu berücksichtigen ist, die bis zur Einführung des Gregorianischen Kalenders im Jahre 1582 eingetreten war. Der Julianische Kalender galt im Römischen Reich seit 46 v. u. Z. , beruhte auf 365,25 Tagen je Jahr und wurde auf dem Konzil von Nicäa (325 u.Z.) der christlichen Zeitrechnung zu Grunde gelegt [3]. Da das Jahr 365,2422 Tage hat, also ein wenig kürzer ist als das des Julianischen Kalenders, erfolgte im Jahre 1582 eine Korrektur und die Einführung des Gregorianischen Kalenders, benannt nach Papst Gregor XII. In der Zeit von 325 bis 1282 war eine Differenz zwischen dem aktuellen und dem richtigen Datum entstanden, die zusammen mit der Fixierung des Frühlingspunktes auf den 21. März mit einer Verschiebung des Datums um 10 Tage ausgeglichen wurde. Auf Donnerstag, den 4. Oktober, folgte Freitag, der 15. Oktober 1582 [3]. Wenn in den 1257 Jahren von 325 bis 1582 eine Differenz von 10 Tagen entstanden ist, dann ergibt sich je Jahr eine Differenz von 0,00796 Tagen. Die Bauzeit der Kirche wird nach jüngsten Untersuchungen um das Jahr 1240 angenommen [4], d. h. 342 Jahre vor 1582 oder 915 Jahre nach 325. Für diesen Zeitabschnitt ergibt sich eine Differenzvon 7,28 Tagen, die von dem errechneten Datum abzuziehen ist, um das im Julianischen Kalender geltende Datum zu erhalten.
Für die errechnete Sonnenhöhe von minus 21,86 Grad ergibt die Interpolation der in [5] angegebenen Sonnenhöhen von - 21,78 für den 2. Dezember und - 21,93 für den 3. Dezember den 2,53. Dezember, woraus 32,53 - 7,28 = 25,25 resultiert. Die Korrektur des Datums führt damit auf den 25. November.
Das dargelegte Ergebnis der Betrachtung der Abmaße der Tribohmer Kirche ist von Professor Schlosser, Ruhr-Universität Bochum, überprüft und mit den Worten bestätigt worden: "... in der Tat schien die Sonne am 25.11.1240 beim Aufgang unter besagtem Winkel gegen die Ostwand und war für Null Grad Höhe 51,4 bzw 128,6 Grad und für 1 Grad Höhe 49,3 bzw 130,7 Grad, so dass Ihr Wert 129,54 Grad genau dazwischen liegt. Julianisches Datum und Refraktion wurden berücksichtigt" [6].
Die dargelegten Ergebnisse von Messungen und Überlegungen sprechen sehr dafür, dass der ungewöhnlich kenntnisreiche mittelalterliche Baumeister die Kirche in Tribohm mit der Absicht einer verborgenen Erinnerung an die Heilige Katharina gestalten wollte.

[1] Albrandt, K.R. Junge, H.: Formelsammlung Navigation. DSV Verlag 1997
[2] Curschmann, F.: Matrikelkarten von Vorpommern 1692. 98, Karten und Texte, Carl-Hinstorff-Verlag Rostock 1944.
[3] Gregorianischer Kalender, Physikalische u. Technische Bundesanstalt. Informationsauszug 4.32 Zeiteinheit. o.J.
[4] Schöfbeck, St.-T,: Die Dorfkirche von Tribohm, Baugeschichtliches und kunsthistorisches Gutachten. Manuskript August 2003. hier zuänglich!
[5] Schülke. A.: Vierstellige Logarithmentafeln. Berlin 1936.
[6] Schlosser, W.: Ruhr-Universität Bochum, Schriftliche Mitteilung vom 7.11.05.
[7] Unveröffentlichte Mitteilung von Professor Th. Klie, Theologische Fakultät der Universität Rostock vom 7.12.2005