Der Niedergang des handwerklichen Könnens in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts tritt nirgends offenkundiger als auf dem Gebiet der Grabkultur zutage. Andererseits aber beweisen eine ganze Anzahl älterer Grabmäler auf unseren vorpommerschen Dorffriedhöfen, mit welcher Liebe und welchem künslerischen Feingefühl noch vor hundert Jahren die dörflichen Handwerker Grabmäler in Holz, Eisen oder Stein angefertigt haben.
Das zeigt jetzt wieder eine Sammlung von schmiedeeisernen Grabkreuzen, die das Museum jetzt von der Kirche zu Tribohm als Leihgabe erhalten hat. Das Eisen ist hier nicht in der virtuosenhaften, graziösen Weise behandelt, wie das zumeist bei mittel- oder süddeutschen Grabkreuzen und den geschnmiedeten Gittern in den bayerischen und österreichischen Kirchen des Barock und Rokoko der Fall ist. Solche Arbeiten lassen die Schwere des Materials vergessen und wirken oft wie ein leichtes zartes Spitzengewebe. Diese Art liegt den Pommern fern. Unsere eisernen Grabkreuze sind schwer und sehr einfach und klar im Aufbau, ebenso wie unsere Backsteinkirchen im Gegensatz zu den Hausteindomen Süddeutschlands. Ganz entschieden wird an der Kreuzform festgehalten und als schmückendes Beiwerk mit Vorliebe die Tulpe verwandt.

Der im Text erwähnte Stiefel ist mittlerweile leider verschwunden. Schade!

Darüber hinaus weisen die Tribohmer Grabkreuze noch ein besonderes Merkmal auf. Unter ihnen befindet sich das Grabkreuz für einen Christian Martin Luhde vom Jahre 1835, an dessen einem Querarm ein kleiner eiserner Stiefel hängt. Die Nachforschung im Kirchenbuch ergab nun, daß Luhde Schumacher gewesen ist und somit der kleine Stiefel auf seinen Beruf hinweisen soll. An fünf anderen Kreuzen befinden sich am Querarm ebenfalls noch Löcher und Haken. Aber die hier ehemals angebrachten Anhänger sind verloren gegangen. Die Entzifferung der Anschriften auf den Kreuzen hat nun mit Hilfe des Tribohmer Kirchenbuches ergeben, daß alle diese Kreuze der einen Schusterfamilie angehören, und es darf wohl mit Sicherheit angenommen werden, daß die Grabkreuze der ganzen Sippe, gleichviel ob sie für Kinder oder Frauen bestimmt waren, mit dem Berufszeichen des Stiefels geschmückt waren. Mit dieser Familie war auch der Schmied des Dorfes verwandt, der seinerseits das Hufeisen in sein Grabkreuz hineinkomponierte.
Es sind mir bisher nur sehr wenige Fälle bekannt, wo der Beruf des Verstorbenen in irgendeiner Form in seinem Grabmal veranschaulicht wird. Aber fast hat es den Anschein, daß dazu eine besondere Neigung in Westpommern bestand, wie nicht nur die Tribohmer Kreuze beweisen, sondern auch die aus Brandshagen mit dem Schiffsanker und die schönen Grabsteine aus Prerow mit den Schiffsdarstellungen.
Dr. F. Adler, Museumsdirektor.
In Tribohm sind leider nur noch Grabkreuze der einfachsten Form vorhanden, wie sie am Giebel des Anbaus zu bewundern sind. Wenn einst die Kirche vollständig renoviert, und ein Anziehungspunkt für Kunsbegeisterte sein wird, könnte man ja mal darüber nachdenken, ob die Ausleihe nach Stralsund nicht besser beendet werden sollte. So ganz gut ist den Kreuzen ja der Ausflug auch nicht bekommen, wie der fehlende Stiefel beweist. (Der Zeitungsartikel enthält Bilder der drei Grabkreuze, die hier gezeigten Bilder stammen von 1985.)
