Die Dorfkirche von Tribohm
Baugeschichtliches und kunsthistorisches Gutachten von Steffen-Tilo Schöfbeck, M.A., Teil 2

Kunstgeschichtliche Einordnung

Wie schon weiter oben erwähnt, haben wir es bei der Tribohmer Kirche mit einem der frühesten Kirchbauten Vorpommerns zu tun. Historisch befinden wir uns im 13. Jahrhundert im Festlandbereich des Fürstentums Rügen, der zum Bistum Schwerin zählte.

Als Bau der 1250er Jahre gehört die Feldsteinkirche noch unmittelbar (in) die Periode des Landesausbaus, der in dieser Region um 1220 eingesetzt haben dürfte. Die ersten Steinbauten kennzeichnen in der Regel die Konsolidierung der neuen Verhältnisse, in denen es sich die dörfliche Gemeinschaft leisten kann, unterstützt vom landesherrlichen Patron, einen steinernen Kirchbau zu errichten. Dieser Vorgang kann vielerorts beobachtet werden, die allerersten dörflichen Bauten stammen in Mecklenburg - Vorpommern meinen Untersuchungen zufolge aus der Zeit ab 1240. Damit gehört Tribohm also zu den frühesten Bauten, älter sind nur noch Kirchen mit herrschaftlichem oder klösterlichen Hintergrund.

Interessanter ist es schon, einmal den Bautyp näher zu betrachten. Da fällt schon auf, daß man nur schwerlich vergleichbare Bauten im Land finden kann. Die urtümliche Erscheinung mit ihren schmalen, teilweise erst nachträglich verlängerten, Fensterschlitzen, dem groben verwitterten Mauerwerk und den flachen Decken gibt dem Bau einen altertümlichen Charakter, so wie der Mensch bei allem Archaisch-Einfachen intuitiv ein hohes Alter annimmt -

Fortsetzung
Dorfkirche Benthen, Lkr. Parchim
Bild 17: Dorfkirche Benthen, Lkr. Parchim

Dorfkirche Gantikow, Lkr. Ostpriegnitz-Ruppin
Bild 18: Dorfkirche Gantikow, Lkr. Ostpriegnitz-Ruppin

ein ähnliches Problem, wie es sich bei den Datierungen der urtümlichen Tauffünten aus Granit stellt, welche nicht selten Zeitgenossen der edlen gotländischen Importstücke aus Kalkstein sind und zumeist erst aus dem späten 13. Jahrhundert stammen!

Vergleicht man Tribohm mit umliegenden Kirchen seiner Zeit, etwa Kölzow und Thelkow oder auch mit Kirch Baggendorf oder Tribsees, fällt auf, daß der Bau zwar im Bautyp ihnen gleicht (turmlose Saalkirche mit eingezogenem Chor), die Ausführung sich aber grundsätzlich von den zahlreichen frühgotischen Bauten unterscheidet.

Während dort Dreifenstergruppen und Domikalgewölbe vorherrschen (sofern bauzeitlich ausgeführt), sind in Tribohm keine Anzeichen von Wölbung zu finden. Die schmalen Fenster befinden sich in der oberen Wandzone, ursprünglich zwei im Chor, das Schiff ist in drei Achsen geteilt. Das entspricht genau den spätromanischen Dorfkirchen der Altmark! Die platt geschlossene Ostseite kann entweder durch ein, zwei oder drei Fenster durchlichtet werden. Die Tribohmer Lösung mit zwei schmalen Ostfenstern und einem Rundfenster in ihrer Mitte darf als einzigartig gelten, jedenfalls ist mir aus dieser Zeit kein weiteres Beispiel bekannt (die Dorfkirche von Kreien, Lkr. Parchim ist in jedem Fall jünger, jedoch besitzt die von Frauenmark, Lkr. Parchim, von 1247d ein rundes Ostfenster in der Apsis).

Exemplarisch sollen für altmärkische Vorbilder die Bauten von Stapel (ca. 10 km nordwestlich Osterburg, Abb. 23) und Gagel stehen (ca. 18 km nordwestlich Osterburg, Abb. 24), natürlich gibt es noch eine ganze Reihe ähnlicher Dorfkirchen in dieser Gegend. Ein dendrodatiertes Beispiele ist die um 1226 +/-10 (d) erbaute Dorfkirche von Garlipp (zwischen Stendal und Bismark). Weitere vergleichbare Bauten finden wir in der von der Altmark aus Anfang des 13. Jahrhunderts besiedelten Prignitz, z.B. Gantikow bei Kyritz (Abb. 18) oder in einigen Gegenden Mecklenburgs. Da wären die frühen Feldsteinbauten von Frauenmark (Abb. 19, Chor 1247d/Schiff 1259d, Dreifenstergruppe Einfügung des 19., ursprünglich drei Fensterachsen wie am Chor, dazu unvollendeter Turm), Benthen (Abb. 17, 1267 geweiht, beide Lkr. Parchirn) und Behren-Lübchin (Abb. 21, 1243d, Lkr. Güstrow) unweit Tribohm zu nennen, die alle offensichtlich altmärkisch beeinflußt sind. Daß auch hier teilweise Backstein Verwendung fand, andererseits völlig romanische "rundbogige" Formen vorkommen, zeigt klar die traditionsverhaftete Bauweise der Mark Brandenburg, währenddessen im Lübecker Umland über Mecklenburg und Teilen Vorpommerns bereits um diese Zeit frühgotisches Formengut Einzug gehalten hatte (Chor Klosterkirche Sonnenkamp/Neukloster von 1243d, Lambrechtshagen 1255d). Fortsetzung
Dorfkirche Frauenmark, Lkr.Parchim
Bild 19: Dorfkirche Frauenmark, Lkr.Parchim

Dorfkirche Grebbin von Osten, Lkr. Parchim
Bild 20: Dorfkirche Grebbin von Osten, Lkr. Parchim

Ungewölbte Kirchen sind im Mecklenburg und Fürstentum Rügen des 13. Jahrhunderts äußerst selten zu finden, in den meisten Fällen von heutiger Flachdecke ist die Wölbung nicht mehr ausgeführt worden oder nicht mehr erhalten, angelegte Schildbögen/Gewölbeauflager beweisen dies (vgl. Eixen). Im Märkischen hingegen stellt die Wölbung eine Ausnahme dar. Die unterschiedliche Kirchenverfassung, die dort jedem Dorf seine eigene Kirche zuwies, wohingegen in Mecklenburg-Vorpommern die altsächsische Kirchspielordnung mit Parochien zwischen 6 und 12 Dörfern vorherrscht (Ausnahme: das märkisch besiedelte Land Stargard), zeitigte in der einen Landschaft kleinere und schlichtere Bauten im Gegensatz zu den verhältnismäßig großen Küchen der anderen. Im 13. Jahrhundert finden sich in den märkischen Landschaften nur wenige Wölbungen, höchstens die Chöre einiger Dorfkirchen sind von Kreuzgratgewölben überspannt. Gleiches gilt für die ohnehin herausgehobenen Basiliken, die sich zumeist in frühstädtischem oder klösterlichen Umfeld finden. Verbreiteter scheint in der Mark Brandenburg jedoch die Deckengestaltung mittels hölzerner Tonnen verschiedener Form gewesen zu sein, in der 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts lassen sich eine Reihe dieser Dachwerke nachweisen, zumeist aber nur noch anhand von Abdrücken am Giebel.
Die oben genannten "märkischen Importbauten" in Mecklenburg waren alle für einen eingewölbten Chor vorgesehen, bauzeitlich ausgeführt wurde dies jedoch nur in Frauenmark bzw. in den bislang nicht erwähnten Kirchen von Grebbin (Abb. 20/22, unweit Frauenmark gelegen), Groß Wokern (bei Teterow) und der Ruine von Dambeck (bei Röbel). Grebbin und Groß Wokern sind mit Feldsteinen gewölbt worden, was in der Altmark typisch, hier aber einzigartig ist!

Bei einer restauratorischen Untersuchung des Chorraumes wäre in Tribohm darauf zu achten, ob vielleicht doch ursprünglich Schildbögen angelegt waren, die nachträglich vermauert wurden. Daß sich die Giebel etwas vom darunterliegenden Mauerwerk unterscheiden, ist normal, immerhin erfolgt deren Aufmauerung immer erst nach dem Aufrichten des Dachwerks.

Ob der während der letzten Dachreparatur von den Bauarbeitern entnommene, eingemauerte Balken (Pr. 11: um/nach 1289d bzw. Pr. 12: um/nach 1276d) aus dem Giebelfußbereich vielleicht ein Hinweis auf dessen spätere Ausmauerung, vielleicht gar zu Zeiten der Dachreparatur um 1400 sein könnte, kann ohne genauere Kenntnis der Befundlage nicht mehr geklärt werden.

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Dorfkirche Behren-Lübchin, Lkr. Güstrow
Bild 21: Dorfkirche Behren-Lübchin, Lkr. Güstrow

Dorfkirche Grebbin von Südost, Lkr. Parchim
Bild 22: Grebbin, Lkr.Parchim, Dorfkirche von Südost

Wieviel Jahresringe an den feinjährig gewachsenen Probenhölzern fehlen, kann man nicht abschätzen, vielleicht lassen sich über Mörtelvergleiche neue Erkenntnisse gewinnen.

Die vorangegangenen Auführung haben also gezeigt, daß die Dorfkirche von Tribohm nicht nur zu den ältesten Bauten des Landes gehört, sondern auch die östlichste Ausdehnung der "märkischen Gruppe" von Feldsteinbauten markiert, der anfänglich dominierenden Architekturströmung, die möglicherweise in losem Zusammenhang mit einer Reihe von Zuwanderern aus diesem Gebiet steht. Ob lokalpolitische Gegebenheiten wie die Nähe zur Burg und zum späteren Vogteisitz bei der nahe gelegenen Kirche von Behren-Lübchin von Bedeutung waren, kann hier nicht geklärt werden. Bemerkenswert ist, daß beide Bauten dies- und jenseits der Recknitz ungefähr gleichzeitig entstanden. Von Bedeutung ist auch die Tatsache, daß der flachgedeckte quadratische Tribohmer Chor von ca. 1240 offenbar der erste Vertreter eines geraden Ostabschlusses auf dem Lande ist. Nur der ebenfalls ältmärkisch beeinflußte Chor der richtungsweisenden Klosterkirche von Neukloster (Mutterkloster Arendsee!) ist zu dieser Zeit auch schon mit geradem Schluß angelegt.

Nach ca. 14 Jahren konnte bereits das ebenfalls flachgedeckte Kirchschiff fertiggestellt werden, ein steinerner Turm war nicht geplant. Inzwischen ist der Backsteinbrand in der Gegend eingeführt worden, die Steine für die Portallaibungen stammen wahrscheinlich von einer Ziegelei im Umland. Das ehemalige Westportal ist heute leider mit Zementmörtel/Beton vermauert. Dieser sollte am besten im Zuge der anstehenden Turmbaumaßnahmen entfernt werden, um größere Bauschäden für die nüttelalterliche Substanz zu verhindern. Fortsetzung
Dorfkirche Stapel von Südost, Lkr.Stendal
Bild 23: Stapel, Lkr.Stendal, Dorfkirche von Südost
Sicher läßt sich eine Lösung finden, die mittels wärmegedämmter Tür und Vorhang einen Weiterbetrieb der Winterkirche ermöglicht, andererseits aber die ursprüngliche Portalsituation für Interessierte sichtbar macht. Auch an eine Einbeziehung des mittelalterlichen Holzturmes von 1420 (d) für die Besucherpräsentation sollte gedacht werden, immerhin ermöglicht dieser das Erlebnis einer fast 600 Jahre alten Zimmermannskonstruktion, ohne aufwendig in ein Dachwerk zu klettern.
Zum Schluß noch eine Bemerkung zur Frage der Farbfassung: Der heutige Raumeindruck (Abb. 3) beruht zu großen Teilen auf dem stimmungsvollen Zusammenspiel von schlichten additiven Räumen, einer qualitätvollen Farbfassung des 19. Jahrhunderts und der barocken Ausstattung. Problematisch ist, wie bei allen romanischen Kirchen, die Tatsache, daß der Raum verhältnismäßig dunkel bleibt, der Grund für die vergleichsweise sensibele Verlängerung der schmalen Fenster im Kirchschiff. Diese neuzeitliche Maßnahme vernichtete vielerorts im heutigen Brandenburg das mittelalterliche Erscheinungsbild zugunsten breiter barocker Fensteröffnungen.

Für Tribohm kommt natürlich hinzu, daß Verschmutzung und Schädigung der Farbfassung von Raum und Ausstattung zusätzlich "Licht schlucken".

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Dorfkirche Gagel von Südost, Lkr. Stendal
Bild 24:Gagel, Lkr. Stendal, Dorfkirche von Südost

Ohne jetzt einer restauratorischen Begutachtung vorgreifen zu wollen, würde wäre mein Vorschlag, die bestehende Ausstattung und die Raumfassung zu sichern und zu reiniigen, gegebenenfalls vorsichtig aufzufrischen, ohne die Spuren der Zeit einer "geglätteten" Kirche zu opfern, wie man sie zuhauf in den alten Bundesländern oder auch in Skandinavien findet. Von einer Rückführung in mittelalterliche Raumfassung ist dringend abzuraten, da es mindestens zwei Farbfassung aus dem 13. Jahrhundert und aus der Umbauzeit um 1400 gibt, wobei die Deckengestaltung ohnehin verloren ist.

Fortsetzung
Auch mit älteren barocken Fassungen ist zu rechnen, die sich wahrscheinlich auf die damalige Ausstattung beziehen. Dazu kommt, daß die in das 13. Jahrhundert "zurückgeführten", purifizierten Kirchen zumeist einen zu kühlen ästhetischen Raumcharakter erhalten, da ihnen natürlich die mittelalterliche Ausstattung fehlt, welche uns erst ein halbwegs authentisches Bild von Kirchenräumen dieser Zeit vermitteln könnte. Nicht zuletzt zu sprechen von dem Verlust an späteren Gestaltungen und dem restauratorischen Aufwand, je nach Erhaltungszustand mehr oder weniger ergänzend einen gänzlich neuen Zustand zu schaffen. Auch sind inzwischen schon einige Kirchen im Land in diesen Zustand zurückgefüht, so daß man an ihnen genügend diese Räume, auch ihre Restaurierungsgeschichte, studieren kann, genannt seien hier Marlow, Kölzow oder Kavelstorf.
Immerhin besitzen wir mit den Dorfkirchen die einzigen Bauwerke, die durch ihre Kontinuität über die Jahrhunderte hinweg die Entwicklungen des ländlichen Lebens widerspiegeln können. Kirche lebt durch ihre vielschichtige Geschichte!

Hohen Viecheln, im August 2002

© Pfarramt Ahrenshagen, 15.09.2002